| dpa |
Baltimore - Die Zahl der Opfer im Irakkrieg liegt möglicherweise höher als bisher angenommen. Nach einer Studie von US-Epidemiologen, die jetzt im Lancet (2006; doi: 10.1016/S0140-6736(06)69491-9) veröffentlicht wurde, könnten zwischen März 2003 und Juli 2006 etwa 650.000 Menschen (oder 2,5 Prozent der Gesamtbevölkerung) mehr gestorben sein, als aufgrund der Vorkriegszahlen zu erwarten gewesen wäre. Diese Schätzungen sind das Ergebnis einer Befragung von 1.849 Haushalten in 47 unterschiedlichen Regionen des Lande, die Gilbert Burnham von der Bloomberg School of Public Health initiiert hat.
Etwa 92 Prozent der Menschen seien durch gewaltsame Handlungen ums Leben gekommen und 59 Prozent der Opfer entfielen auf Männer im Alter von 15 bis 44 Jahren, heißt es in dem Bericht.
Die Zahlen übertreffen bei weiten die Schätzungen, die Burnham im Oktober 2004, ebenfalls im Lancet (2004; 364: 1857-64) veröffentlicht hatte. Damals war von etwa 100.000 zusätzlichen Todesfällen die Rede. Inzwischen gehen auch die Statistiken der US-Armee von einem deutlichen Anstieg der Opfer aus. Die absoluten Zahlen der US-Militärs sind jedoch deutlich niedriger. Der letzte Bericht nennt zuletzt (20. Mai bis 11. August) 120 Opfer pro Tag (gegenüber 24 Opfern pro Tag im Jahr 2004). Seither soll es, wie US-Militärs gegenüber der Presse verkündeten, sogar einen Rückgang um 46 Prozent gegeben haben. Zu den Septemberzahlen wollten sich die Militärs nicht äußern.
Nach der Auswertung Burnhams kämen dagegen jeden Tag etwa 500 Menschen gewaltsam ums Leben. Die geringe Zahl der Befragungen, die von zwei Teams mit jeweils 4 Interviewern teilweise unter Lebensgefahr durchgeführt wurden, bedingt zwar ein relativ breites 95-Prozent-Konfidenzintervall von 426.369 bis 793.663 Opfern. An der Validität der Daten ist aber nach Ansicht des Herausgebers des Lancet, Richard Horton, London, nicht zu zweifeln. Die renommierte Fachzeitschrift, die aber gerne kontroverse Themen aufgreift, hatte die Studien von vier Gutachtern prüfen lassen, alle hätten einer Publikation zugestimmt.
Burnham schließt den Vorwurf aus, die Befragten könnten die Zahl der Opfer durch falsche Angaben nach oben getrieben haben. In 92 Prozent der Fälle seien den Interviewern Todesbescheinigungen vorgelegt worden.
Diese Beteuerungen verhinderten indes nicht, dass die Studie sogleich angegriffen wurde. Der Zeitpunkt der Publikation sei politisch gewählt, meinte Debarati Guha-Sapir, Leiterin des Centre for Research on the Epidemiology of Disasters in Brüssel, einer mit der WHO assoziierten Organisation, gegenüber dem Onlinedienst von Nature. Tatsächlich stehen in den USA Mitte November Wahlen zum Kongress an, und die frühere Studie Burnhams wurde ebenfalls vor wichtigen Wahlen, damals zur Präsidentschaft, veröffentlicht. Burnham hat den Vorwurf einer gezielten Publikation zurückgewiesen.
Die gesammelten Daten bezweifelte gegenüber Nature Online Jon Pedersen von Fafo, einer ursprünglich von norwegischen Gewerkschaften gegründeten, heute aber unabhängigen Forschungsorganisation. Pederseen war in einer von der UNO finanzierten Studie zu 18.000 bis 29.000 Opfern bis zum Mai 2004 gekommen. Pedersen glaubt, dass die Referenzzahlen zur Todesrate vor der Invasion, die Burnham seiner Berechnung zugrunde gelegt hat, zu niedrig war.
Tatsächlich zeigen die Zahlen Burnhams, dass es vor der Invasion praktisch keine gewaltsamen Todesfälle gegeben hat. Dies ist nach Ansicht von Pedersen eine „politische“ Zahl der Hussein-Diktatur, die damit die zahlreichen staatlichen Morde verdecken wollte. Nach Einschätzung Pedersens könnte es vor dem Koalitionskrieg ebenso viele gewaltsame Todesfälle gegeben haben wie seither. © rme/aerzteblatt.de
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