Buffalo/New York - Nach weit verbreiteter Ansicht ist Fieber ein behandlungsbedürftiges Symptom. Eine tierexperimentelle Studie in Nature Immunology (2006; doi:10.1038/ni1406) zeigt jedoch, dass die Erhöhung der Körpertemperatur die Immunantwort unterstützt, indem es den Abwehrzellen den Eintritt in das Lymphgewebe erleichtert.
Nicht nur Menschen erkranken an Fieber. Alle Säugetiere verfügen über die Fähigkeit, im Fall einer Entzündung die Körpertemperatur zu erhöhen. Für Sharon Evans vom Roswell Park Cancer Institute in Buffalo ist diese in der Evolution erhaltene „konservierte“ Reaktion deshalb nicht einfach als rein passive Folge (etwa einer Infektion mit „pyrogenen“ Erregern) zu interpretieren, sondern Teil einer Abwehrreaktion des Körpers. Selbst wechselwarme Tiere wie Fische oder Echsen würden wärmere Orte aufsuchen, wenn sie erkrankt sind. Doch welchen Nutzen hat die höhere Körpertemperatur?
Bereits in früheren Studien konnte die Forscherin zeigen, dass Fieber die Durchblutung in den Lymphknoten erhöht. Damit könnte den Lymphozyten, die beständig im Blut „patrouillieren“, der Eintritt in die Lymphfollikel erleichtert werden, in denen die Abwehrreaktion gegen echte „Feinde“ (bei Infektionen) oder „vermeintliche Feinde“ (bei Autoimmunerkrankungen) organisiert wird. Um in die Lymphfollikel einzutreten, müssen die Lymphozyten die Gefäßwände der kleinsten Blutgefäße, die sogenannten high endothelial venules (HEV) durchdringen.
Um die Ereignisse an diesem Ort zu studieren, führte Evans in Kooperation mit Forschern der Harvard Universität und der Universität Kiel Tierexperimente durch. Mäuse wurden für 6 Stunden in einer warmen Umgebung gehalten, bis ihre Kernkörpertemperatur um 2,7° Celsius angestiegen war. Sie hatten 39,5° Celsius Fieber. Dann wurden den Tieren Lymphozyten injiziert, die mit einem Fluoreszenz-Farbstoff markiert waren.
Später konnten die Forscher beobachten, dass das Fieber die Zahl der Lymphozyten, die in das Parenchym der Lymphdrüsen eindrangen, verdoppelte. Sie konnten auch zeigen, wie die Zellen die Gefäßwand in den HEV durchdringen. Zwei Moleküle, das intercellular adhesion molecule 1 (ICAM-1) und das Chemokin CCL21 fungieren dort als „Türwächter“. Die erhöhte Körpertemperatur könnte die Expression dieser beiden Moleküle erhöhen, schreibt die Autorin. Sie sieht in dieser „HEV-Achse“ ein thermisches Alarmsystem, das bei Fieber gewissermaßen die Ampeln in den Gefäßen der Lymphknoten auf „grün“ stellt und dadurch die Immunüberwachung steigert.
Denkbar ist, dass dieser Mechanismus auch beim Menschen greift. Auf jeden Fall werden die Ergebnisse die Forschung in diesem Bereich vorantreiben. Die Befunde der Grundlagenforschung beweisen jedoch nicht, dass eine Fieberbehandlung, wie sie etwa als Thermotherapie bei der Krebsbehandlung propagiert wird, tatsächlich eine Wirkung hat. Das können nur klinische Studien zeigen. Die tierexperimentellen Befunde schließen auch keinesfalls aus, dass hohes Fieber, gerade bei Kindern nicht auch eine schädliche Wirkung haben kann. © rme/aerzteblatt.de
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