London - Die Entscheidung der britischen Kontrollbehörde NICE, das Medikament Herceptin (Wirkstoff: Trastuzumab) bereits im Frühstadium des Mammakarzinoms zuzulassen, stößt bei britischen Onkologen auf Kritik. Das teure Medikament mache die Rationierung anderer Therapien notwendig, die weniger im Rampenlicht der Öffentlichkeit stünden, beklagen sie im britischen Ärzteblatt (BMJ 2006; 333; 1118-1120).
NICE hatte im August dieses Jahres seine Zustimmung für den Einsatz von Trastuzumab bei Frauen mit HER-positivem Mammakarzinom im Frühstadium gegeben. Damit darf das Medikamente von Ärzte des Staatlichen Gesundheitsdienstes NHS (National Health Service) eingesetzt werden. Die positive Stellungnahme erfolgte nur zwei Wochen nach der Erweiterung der Zulassung durch die Europäische Arzneimittelagentur EMEA (European Medicines Agency). Vorher war das Medikament nur beim metastasierten Mammakarzinom zugelassen gewesen. Jetzt darf es im Anschluss an die adjuvante Therapie für ein Jahr gegeben werden.
Die Verärgerung von Ann Barrett, Universität Norwich, rührt daher, dass der Entscheidung des NICE eine breite Medienkampagne vorausgegangen war. Reihenweise wurden in den Medien Patientinnen mit HER-positivem Mammakarzinom vorgestellt, die vor Gericht um die Verordnung des Medikamentes kämpften oder die 30.000 Pfund für die Therapie aus eigener Tasche bezahlten – um zu überleben. Das ist nach Ansicht von Barrett eine starke Vereinfachung, da von drei publizierten randomisierten kontrollierten Studie nur eine überhaupt einen signifikanten Überlebensgewinn durch Trastuzumab ergeben habe und zwar um absolut 4,8 Prozent in vier Jahren. Das sind Erfolge, die bei anderen Indikationen auch mit wesentlich kostengünstigeren Medikamenten erzielt werden könnten.
Die Onkologen werfen NICE vor, dem Druck der Medien nachgegeben zu haben. Die Behörde, die neben der Wirksamkeit auch die Kosten-Effektivität von Therapien für den NHS prüfen soll, drücke sich davor, den Kliniken des Landes zu sagen, welche Therapie sie rationieren sollen. Ihre Klinik müsse in Zukunft 1,9 Millionen Pfund pro Jahr einsparen, um zukünftig 75 Patientinnen zusätzlich mit Herceptin behandeln zu dürfen.
Die Onkologin sieht sich vor die Wahl gestellt. Um das Geld einzusparen, könnte sie 355 Krebspatienten eine adjuvante Chemotherapie vorenthalten, durch die 16 von ihnen geheilt würden. Sie könnte aber auch 208 Patienten mit fortgeschrittenen Krebsleiden erklären, dass kein Geld für eine palliative Chemotherapie vorhanden sei, weil diese Therapie gerade nicht Gegenstand des medialen Interesses sei. Die Onkologen fordern die NICE auf, bei der Wirtschaftslichkeitsprüfung die Gesamtsituation zu berücksichtigen und den Ärzten zu sagen, an welcher Stelle sie die zusätzlichen Kosten einsparen könnten. © rme/aerzteblatt.de
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