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Ausland · News

15.01.2007
Anhaltende Kontroverse um Zahl der Kriegstoten im Irak

Baltimore - Ein US-Epidemiologe hat seine umstrittene Studie vom Oktober 2006 verteidigt, nach welcher seit Beginn des Irakkriegs 650.000 Iraker oder 2,5 Prozent der Bevölkerung an den Folgen des Konflikts gestorben sind. Diese Zahlen, die weit über die offiziellen Angaben der irakischen Regierung hinausgehen, waren zuletzt heftig kritisiert worden.

Gilbert Burnham, der an der Bloomberg School of Public Health in Baltimore tätigt ist, stützte sich bei seinen Schätzungen auf eine Umfrage in etwa 1.800 Haushalten, die nach dem Krieg durchgeführt wurde. Dabei war herausgekommen, dass pro Tag 500 Menschen im Irak ums Leben kamen. Die Zahlen lagen sogar weit über denen, die Kriegsgegner von iraqbodycount.org aus offiziellen Angaben und Zeitungsrecherchen ermittelt hatten (53.583 bis 59189 Tote).

Nachdem es in den letzten Monaten eine Reihe von polemischen Vorwürfen gegeben hatte – Burnham habe als Anhänger der oppositionellen Demokraten (Beleg: Eine Parteispende über 125 Dollar) seine Zahlen absichtlich vor den Wahlen veröffentlicht – melden sich nun im Lancet verschiedene Wissenschaftler zu Wort (Lancet 2007; 369: 103-105). Johan von Schreeb vom Karolinska Institut in Stockholm weist darauf hin, dass nach den Ergebnissen von Burnham die Kindersterblichkeit wesentlich niedriger wäre als die offiziellen Statistiken angeben, weshalb Umfragen nicht das geeignete wissenschaftliche Instrument seien. Prabhat Jha von der Universität Toronto vermisst eine Überprüfung der Angaben durch unabhängige Quellen. Madelyn Hsiao, eine Psychiaterin von der Universität London glaubt nicht, dass es möglich ist, 40 Haushalte am Tag bei Temperaturen von 50° Celsius zu befragen.
Debarati Guha-Sapir, die Leiterin des Centre for Research on the Epidemiology of Disasters in Brüssel, einer mit der WHO assoziierten Organisation, vermutet, dass die Zahlen, die im besonders krisengeschüttelten “sunnitischen Dreieck” erhoben wurden, unkritisch auf das gesamte Land hochgerechnet wurden. Burnham weist die Kritik in allen Punkten zurück. Nur dem Einwurf von Josh Dougherty von iraqbodycount.org, wonach Burnham Zahlen des amerikanischen Verteidigungsministeriums falsch interpretiert hat, scheint sachlich richtig zu sein. Diese Zahlen bildeten aber gerade eben nicht die Basis für seine Berechnungen.

Auch der Lancet bedauert die Publikation nicht. Die hohen Zahlen kämen dadurch zustande, dass Burnham und Kollegen auch die indirekte Sterblichkeit erfasst hätten. Diese käme durch Schäden an den gesundheitsrelevanten Einrichtungen wie Wasserversorgung, Kanalisation, Elektrizität und dem behinderten Zugang zu Krankenhäusern zustande. Die “Body Counts” könnten diese Schäden nicht erkennen, die ebenso tödlich sein könnten wie Autobomben, heißt es in einem Leitartikel. © rme/aerzteblatt.de



Links zum Thema
» Lancet
» Pressemitteilung des Lancet
» Irak Body Count
» Deutsches Ärzteblatt (42/2006) Irakkrieg: Umstrittene Zahlen über Opfer


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