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Medizin · News

12.07.2006
Chronische Otitis media: Für Antibiotika undurchdringlicher Biofilm als Ursache

Pittsburgh/Bremen - Patienten mit chronischer Otitis media haben häufig keine kulturell nachweisbaren Bakterien im Paukenerguss. Regelmäßig sind die Erreger hingegen in einem „Biofilm“ nachweisbar, wie US-Forscher mit Unterstützung eines deutschen Meeresbiologen im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2006: 296: 202-211) berichten. Der „Biofilm“ auf der Oberfläche der Paukenhöhle schützt die Erreger vor dem Zugriff der Antibiotika und erklärt möglicherweise die schlechten Ergebnisse einer antimikrobiellen Therapie.

Unter einem “Biofilm” versteht die Forschung sichtbare oder unsichtbare Beläge, die sich auf glatten feuchten Oberflächen finden. Eiweiße und Zuckermoleküle bilden dort eine feste undurchdringliche Matrix, in der sich gerne Bakterien ansiedeln. In der Medizin stellen Biofilme vor allem bei Dauerkathetern ein Problem dar, wo sie aszendierende Infektionen – beispielsweise der Harnwege – begünstigen. Seit langem wird vermutet, dass sich auch im Mittelohr von Kindern mit chronischer Otitis media solche Biofilme bilden, was durch den ständigen Ausfluss von entzündlicher Flüssigkeit sicherlich begünstigt wird. Nur nachweisen ließ sich das bisher nicht. Die Gruppe um Garth Ehrlich vom Center for Genomic Sciences in Pittsburgh griff deshalb auf die Mitarbeit eines deutschen Meeresbiologen zurück. Armin Gieseke vom Max Planck-Institut für marine Mikrobiologie gehört zu den international führenden Biofilm-Forschern und beriet die US-Kollegen bei ihrem Versuch, in Biopsien von Otitis-media-Patienten den Biofilm und auch darin befindliche Bakterien nachzuweisen.

Die US-Forscher untersuchten Biopsien von 26 Kindern im Alter von 6 Monaten bis 14 Jahren. Die Gewebeproben waren anlässlich von Tympanostomien zur Anlage eines Tubenröhrchen entnommen worden. Die Tubenröhrchen ermöglichen einen Abfluss des Sekretes in den äußeren Gehörgang und „trocknen“ dadurch die Paukenhöhle. Ob dies auf Dauer auch den Biofilm beseitigt, konnte in der Studie nicht untersucht werden. Ein solcher Biofilm wurde aber in 46 von 50 Biopsien nachgewiesen, während er in Biopsien von acht gesunden Kindern und Erwachsenen nicht vorhanden war. Mit der Konfokalmikroskopie, einer Variante der Lichtmikroskopie, die ein schichtweises Durchsuchen von Biopsien ermöglicht, wurden in den Biofilmen Bakterien gesichtet. Ihre Identität konnte in den meisten Fällen mittels der Polymerasekettenreaktion geklärt werden, wenn auch nicht im Biofilm selbst, so doch in den Ergüssen. Die bakteriellen Kulturen waren dagegen in der Regel negativ.

Gefunden wurden Haemophilus influenzae, Streptococcus pneumoniae oder auch Moraxella catarrhalis. Wie Pädiater zu ihrem Leidwesen immer wieder erfahren müssen, ist der Einsatz von Antibiotika gegen diese Erreger häufig wirkungslos. Dies könnte, so vermuten die Forscher, mit dem Biofilm zusammenhängen, der die Bakterien vor den Antibiotika abschirmt. Sie werden dadurch resistent gegen die Medikamente, selbst wenn keine mikrobiologische Resistenz vorliegt. Von der näheren Untersuchung des Biofilms erhoffen sich die Forscher jetzt neue Anregungen für die Therapie. Denn wenn es gelingen könnte, diese Beläge durchlässig für Antibiotika zu machen oder gar zu beseitigen, könnte dies die bisher eher frustrierenden Behandlungsergebnisse verbessern. /rme



Links zum Thema
» Abstract der Studie im JAMA
» Leitlinien Otitis media der Gesellschaft für Pädiatrische Pneumologie von 1998
» Center for Genomic Sciences
» Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie
» Forschungsbericht des MPI
» Interview des Deutschlandfunks
» Wikipedia zu Konfokalmikroskopie
» Beispiele von Biofilmen (in der Gingiva)